Es hatte sich alles so schön angelassen in den letzten 1 1/2 Jahren. Begatterich hatte beschlossen, sich nicht mehr zu betrinken. Konsequent setzte er es in die Tat um. Nur noch alkoholfreies Bier gab es zu Hause. Gingen wir aus - zum Essen oder auf eine Feier - war das erste Bier unkastriert, darauf folgte dann nur noch die alkfreie Variante oder gleich ein Wasser bzw. eine Cola.
Ich begann, das Ausgehen wieder zu genießen, auch luden wir wieder öfters Leute zu uns ein. Ab und zu genoss dann jetzt auch ich mal wieder ein Glas Wein (mehr war es bei mir sowieso nie, weil mir das zweite schon gar nicht mehr schmeckt), was in den letzten Jahren völlig undenkbar war. Erstens musste ja einer den Chauffeur spielen, zweitens war ein Glas vor mir immer ein Grund, seine Sauferei noch exzessiver zu gestalten: Wenn die was trinkt, darf ich wohl auch - so war immer seine Gewissensberuhigung...
In einem Gespräch mit meiner Schwester, die mit ihrem Mann das gleiche Problem hat (gibt es eigentlich noch Männer, die nicht saufen???), erklärte er seine Beweggründe, warum er sich keine Kanne mehr gibt: Er will keinen besoffenen Kopf mehr, keinen Stress mehr mit mir und endlich mal einen klaren Blick. Ein wunderbares Gespräch, aus dem mein Schwesterlein mit sehr ambivalenten Gefühlen nach Hause ging. Betrübt, dass bei ihrem diese Einsicht fehlt, hoffnungsvoll, dass diese vielleicht noch kommt, neidvoll, dass bei mir ein Ende des Tunnels zu sehen ist und beeindruckt, über die Ehrlichkeit der Beichte.
Ich war glücklich und entspannte mich. Das Zusammenleben wurde wieder lebenswert - ich hatte den Mann wieder, in den ich mich mal verliebt habe. Er brachte mich zu lachen, ich konnte mich auf ihn verlassen, er war fleißig, besorgt und liebevoll, ein wundervoller Freund, Partner, Ehemann und Opa (Unsere bzw. meine Kinder, sind bereits aus dem Haus, aber unseren Enkel im Alter von 6 Jahren lieben wir über alles und genießen ihn ausgiebigst. Und für den Zwerg ist Opa sowieso der Größte!!!). Endlich war Mister Hyde in der Versenkung verschwunden, nur noch Dr. Jekyll war anwesend!
Im Mai hatten wir großes Familientreffen von seiner Seite, die alle aus dem Münsterland angereist kamen. Und die meisten kannten ja nur den Mann, der nichts stehen lassen kann, bei jeder Feier am lautesten und immer am schnellsten betrunken ist. Kein Wunder - ich hab auch noch nie jemanden gesehen, der ein Bier so schnell inhalieren kann: ein Staubsauger ist ein Scheiß dagegen! Das hat schon was von Druckbetankung! Irgendwie hatte ich das Gefühl, er wollte seinem langjährigen Image gerecht werden - alles andere ist offensichtlich unmännlich... Und so erlebte ich zum ersten Mal seit längerer Zeit und dies gleich ein paar Tage hintereinander, wieder einen betrunkenen Mann. Nicht bis zur Bewusstlosigkeit abgefüllt, aber doch ganz schön angeschickert. Zutiefst verstört und beunruhigt verfolgte ich diese Tage - und mein Gefühl sollte sich bewahrheiten.
Für die Gäste hatte man echtes Bier gekauft, da war noch reichlich übrig. Das konnte man natürlich nicht schlecht werden lassen. Und schon ging auch wieder die Vertuscherei und das Versteckspiel los: Offensichtlich hatten wir einen Zauberkasten gekauft, der gar nicht leer wurde: die geleerten Flaschen wurden Tag für Tag durch volle ersetzt. Das geht ganz problemlos: ich bin vormittags beim Arbeiten, er ist krankheitshalber in Frührente. Praktisch, wenn man morgens Dinge erledigen muss, von denen der Partner nichts mitbekommen soll...
Es wurde noch einmal besser, als wir im Juni im Urlaub waren und mit unserem Camper durch die Gegend fuhren. Aber ich fühlte seine Unruhe und die unterdrückte Gereiztheit fast körperlich. Kaum zurück, gings auf unseren Dauerplatz. Hier treffen wir uns gerne mit einem befreundeten Ehepaar, die gerne dort urlauben. Beide trinken auch ganz gerne - da kann man natürlich in nichts nachstehen und muss zeigen, dass man nichts verlernt hat... Immer diese verdammten Imageprobleme!!!
Besonders schlimm war für mich dann die Entdeckung, dass er in 3 Wochen mindestens eine Kiste Bier (Zauberkasten...) geleert hat. Höre ich hier nachsichtiges Lachen oder sehe ich ein gelassenes Abwinken? Dieses Bier hat er in der Mittagszeit getrunken, wenn er schnell nach Hause fuhr, um die Post und Zeitung zu holen und den Garten zu wässern. Wie viel er jeden Tag auf dem Platz vernichtet hat, entzieht sich meiner Kenntnis, da er in weiser Voraussicht seinen Stoff beim Nachbarn deponiert hat. Ich weiß nur, dass er jeden Tag voll war.
Auch die Hemmung, sich in so einem Zustand ans Steuer zu setzen, ist verschwunden. Ich spiele echt mit dem Gedanken, die Bullen zu verständigen, wenn ich es mal nicht mehr schaffe, ihm den Schlüssel ab zu nehmen.
Gespräche sind nicht mehr möglich, da jede Einsicht fehlt, aber auch das normale Zusammenleben hat sich verabschiedet. Er schläft nur noch auf der Couch und der Sex ist lausig, wenn er denn überhaupt stattfindet. Das liegt aber auch an mir, da ich schon vor Jahren abgelehnt habe, mit einem besoffenen Mann ins Bett zu gehen. Diese gefühllose Rammelei kann ich mir schenken...
Das Highlight war aber vor ein paar Tagen: Er musste zur Arbeit (er arbeitet ehrenamtlich ein bis zwei Vormittage die Woche bei einem gemeinnützigen Verein), rief mich aber zu meiner Verwunderung schon gegen 11 Uhr in meiner Firma an. Sofort gingen bei seiner Begrüßung sämtliche Alarmlampen an: hohe Stimme, zu viele "Schatzi"s, Lispeln und verwaschene Sprache. Seine Erklärung auf meine Nachfrage: er hätte seine Zähne rausgenommen. Ahhhh ja! 20 Minuten später der nächste Anruf - da gab es keinen Zweifel mehr! Sein Chef hat ihn angeblich nicht gebraucht. Ob er mit ihm oder zuhause gebechert hat, weiß ich bis heute nicht - ist mir im Grunde genommen auch egal.
Er hatte das Auto dabei, er musste mich also um 13 Uhr abholen. Wer nicht kam, war er. Ich mich also zu Fuß auf den Weg gemacht, weil mir klar war, dass er mit Sicherheit schlief - er ging nämlich auch nicht ans Telefon. Kurz vor der letzten Straße kam plötzlich das Auto angefahren. Sofort stellte ich mich auf die Fahrerseite und zwang ihn, auf den Beifahrersitz zu wechseln. Kaum, dass er mich richtig fixieren konnte. Anfangs hatte er noch ein debiles Grinsen im Gesicht, doch es ging nicht lange, da hatte der aggressive Mr. Hyde wieder die Oberhand. Unter verbalen Angriffen und Beschimpfungen verrichtete ich meine Besorgungen und überstand die Heimfahrt.
Da ich ihm die Autoschlüssel abgenommen habe, gings zum Nachtanken mit dem Bus in die Stadt. Verwunderlich, dass er schon gegen 19 Uhr wieder heimgefunden hat. Aus unserem geplanten Mittagessen gehen ist natürlich nichts geworden. Und seither rede ich kein Wort mehr mit ihm - ich ignoriere ihn völlig. Seit gestern versucht er wieder die Annäherung, doch ich blockiere. Ich denke ernsthaft über den Verkauf unserer Immobilie und des Campers mit einer nachfolgenden Trennung nach. Und das, nachdem ich mich, traumatisiert, nie wieder scheiden lassen wollte!
Warum mich das alles so aufwühlt und entsetzt? Seit 20 Jahren lebe ich mit einem Alki, der mal mehr, mal weniger trinkt, der auch schon lange Zeiten trocken hinter sich gebracht hat. In der ganzen Zeit, in der er getrunken hat, hat er aber immer erst abends angefangen, hat nie seine Arbeit vernachlässigt und war, zumindest tagsüber, immer zuverlässig. Mit dieser neuen Qualität (?) des Trinkens kann ich mich, aber so gar nicht, abfinden!
...sagt Knubbel