Sonntag, 5. Dezember 2010

Brandzeichen im Hirn

Mitten in der Nacht werde ich wach. Aus dem Bad dringen Würgegeräusche, begleitet von heftigem Stöhnen. Mein erster Gedanke: ich hab gar nicht gerochen, dass er voll ist – normalerweise kann er meiner Nase nichts vormachen. Dann der nächste Gedanke: Ich habe in den letzten Wochen so oft gehört, wie er am würgen und erbrechen war, vielleicht ist er krank und ich habe ihm Unrecht getan, vielleicht hat dies gar nichts mit seiner Sauferei zu tun!

Ich springe aus dem Bett und laufe Richtung Bad. Die Tür ist offen, seltsamerweise ist es aber dunkel im Raum. Ich schiebe die Tür ganz auf und mache Licht an.

Den Anblick, der sich mir bietet, werde ich mein ganzes Leben nie wieder vergessen – er hat sich dauerhaft in meine Gehirnwindungen reingebrannt: Begatterich liegt, nur bekleidet mit Unterhose und Unterhemd, in der Badewanne. Das Licht, das ihn blendet, kann er nur bedingt abwehren, so sehr fehlt ihm die Koordination der Gliedmassen. Er stöhnt laut vor sich hin, während er mich debil und total weggetreten angrinst. Er ist nass, von oben bis unten verschmiert mit Kotze, Pisse und Scheixxe und stinkt entsetzlich.

Ich bin fassungslos und könnte ihn in dem Moment einfach nur kalt lächelnd erwürgen. Stattdessen flüchte ich einfach nach unten und mache mich auf die Suche nach seinem Stoff. Ich bin nämlich bis heute noch nicht dahinter gekommen, wo er seinen Nachschub versteckt. Diesmal aber stoße ich sofort auf eine fast leere Flasche Wodka – deshalb auch die fehlende Fahne…

Oben höre ich Gepolter und fließendes Wasser – anscheinend hat er sich aus der Badewanne gequält und steht unter der Dusche. Im Nachhinein hat er aber keinerlei Erinnerung mehr an diese Nacht...

Ich möchte nur noch ins Bett kriechen, die Decke über den Kopf ziehen, einschlafen und nie mehr aufwachen! Nimmt diese Scheixxe eigentlich nie mehr ein Ende?

Morgens quäle ich mich zur Arbeit und komme nachmittags total erschlagen nach Hause. Wie das personifizierte schlechte Gewissen steht Begatterich da und entschuldigt sich tausendmal unter Tränen. Es tut ihm leid, er weiß nicht, warum das passiert ist, es soll nie wieder vorkommen, er will mit mir in Urlaub fahren und sofort nach der Rückkehr endlich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen… das üblich blablabla eines alkoholkranken Menschen, der mal eben wieder eine neue Grenze überschritten hat und nicht mehr weiterweiß… Aber, ich bin halt auch immer noch liebende Ehefrau und lasse mich, nein nicht überzeugen, aber überreden.

Und so fahren wir am anderen Tag zusammen in Urlaub – ich total zurückhaltend und skeptisch, er zerknirscht und bemüht, ja alles recht zu machen. 

Wir nehmen keinerlei Alkohol mit, er will explizit darauf verzichten.

Die erste Woche ist auch einigermaßen ok, obwohl nicht zu übersehen ist, dass er unruhig wird und die Stimmung immer einen leicht gereizten Unterton hat. Dann werden beim nächsten Einkauf die ersten 3 Flaschen Bier in den Wagen gepackt, zwar noch alkoholfrei, aber der Geschmack muss sein. In den nächsten Tagen verschwinden öfters kleine Geldbeträge aus meinem Geldbeutel (die ausländische Währung hab ich verwahrt) und auch er ist öfters mal plötzlich unauffindbar. Angeblich war er dann nur auf dem Platz, am Strand oder im Ort spazieren. Ich zieh ja die Hose nicht mit der Beißzange an und weiß, was die Uhr geschlagen hat…

Wir bringen den Urlaub so hinter uns – klar gibt es schöne Momente – aber so insgesamt gesehen ist die Stimmung einfach nicht besonders. Vorsichtig ausgedrückt. Ich merke jeden Tag, dass er nach Hause will, dass es ihn nervt, den ganzen Tag unter Beobachtung zu stehen. Er äußert auch seine Ansicht, keine 3 Wochen am Stück wieder wegfahren zu wollen, obwohl er es immer war, dem es nie lange genug gehen konnte. Aber die Prioritäten haben sich verschoben: nicht mehr der Urlaub, das Campen, die Zweisamkeit, das gemeinsam Erleben ist wichtig – Teufel Alkohol hat wieder voll die Kontrolle übernommen und er ist nicht mehr bereit und auch nicht mehr in der Lage, sich dagegen zu wehren.

Sehr deprimiert kommen wir nach 3 Wochen nach Hause zurück. Ich weiß, dass er die erste Nacht zu Hause wieder auf seiner heißgeliebten Couch verbringen wird – mit dem unbewachten Zugriff auf seinen Glücksbringer. Und natürlich enttäuscht er sich nicht – nur wieder mich…

To be continued…

… sagt Knubbel

3 Kommentare:

  1. Sitze hier, heule und leide mit dir. So schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt, dieses Verhalten ist mir fremd. Angesichts dessen was du mitmachst werden meine Sorgen ganz klein...

    Bin immer für dich da, hdl!
    Cosy

    AntwortenLöschen
  2. Ach Cosy, ich glaube die Sorgen mit einem alkoholkranken Mann sind nie klein - die Auswirkungen sind nur bei jedem anders. Und zur Zeit lerne ich jeden Tag neue Seiten kennen. Und hassen. Und verachten...
    Wenn ich doch nur mal richtig heulen könnte...
    ihdagdl!

    AntwortenLöschen
  3. Hallo,

    Oh mein Gott... genauso wie bei mir. Ich hoffe er hat das mit dem Entzug gemacht! Du musst hart sein. ich weis wie schwer das ist. Bei uns hat es nur funktioniert weil ich bei seinem letzten Anfall gegangen bin und gesagt habe das ich erst wieder komme wenn er durch den Entzug ist und nun ist er in der Klinik.

    Ich würde bitte gerne mehr erfahren. Schreib doch deinen Blog weiter! Bitte. So fühle ich mich nicht so alleine. ;)

    MfG Jules

    AntwortenLöschen